HRT · Ratgeber

Voraussetzungen für die Hormonersatztherapie.

Indikation, Window of Opportunity, Kontraindikationen — was eine Frauenärztin prüft, bevor sie eine HRT empfiehlt.

HRT ist eine wirksame Therapie bei mittelschweren bis schweren Wechseljahresbeschwerden — aber nicht für jede Frau geeignet. Die Indikation und Eignung wird im Erstgespräch strukturiert geprüft. Wir zeigen die Kriterien, die in Malvea-Partnerpraxen angewendet werden.

Grundlage sind die DGGG-Leitlinie 2024, das NAMS Position Statement 2022 und die IMS-Empfehlungen 2024. Diese drei Quellen sind in Frauen-Endokrinologie der internationale Standard.

Indikation — wann HRT sinnvoll ist

Hauptindikation sind mittelschwere bis schwere vasomotorische Symptome (Hitzewallungen, Nachtschweiss) in der Peri- oder frühen Postmenopause. Die Symptomatik wird strukturiert nach der Greene-Climacteric-Skala oder analogen validierten Fragebögen erfasst — eine subjektive „mir geht es schlecht"-Aussage reicht für eine fundierte Indikation nicht aus.

Sekundäre Indikationen: Schlafstörungen mit klarem Wechseljahres-Bezug, urogenitales Syndrom (vaginale Trockenheit, Dyspareunie, rezidivierende Harnwegsinfekte), Prävention der Osteoporose bei Hochrisiko-Patientinnen.

Anti-Aging oder „Lifestyle"-Indikationen sind keine Standard-Indikation. Eine HRT zur reinen Verbesserung des Hautbilds oder zur „Verjüngung" wird in Malvea-Praxen nicht eingeleitet.

Window of Opportunity

Die NAMS-Leitlinie 2022 definiert das „Window of Opportunity": Therapiestart vor dem 60. Lebensjahr und innerhalb von 10 Jahren nach der letzten Menstruation. In diesem Zeitfenster überwiegen die Nutzen die Risiken in der grossen Mehrheit der Fälle.

Ausserhalb dieses Fensters (Frauen > 60 Jahre oder > 10 Jahre Postmenopause) wird HRT nicht generell ausgeschlossen — aber die Risiko-Nutzen-Abwägung verändert sich. Studien wie WHI zeigen bei späterer Einleitung höhere kardiovaskuläre Risiken.

Bei prämaturem Ovarialinsuffizienz (POI, vor dem 40. Lebensjahr) ist HRT eine Standardindikation bis zum natürlichen Menopause-Alter und sollte dann erneut evaluiert werden.

Absolute Kontraindikationen

Bekanntes oder vermutetes östrogen-abhängiges Mammakarzinom — ohne Ausnahme, weder in der Erstdiagnose-Phase noch nach erfolgreicher Behandlung. Bei vorausgegangenem Mammakarzinom auch nach kompletter Remission gilt die Kontraindikation grundsätzlich.

Aktive oder anamnestisch dokumentierte venöse Thromboembolie (tiefe Beinvenenthrombose, Lungenembolie), aktive thrombophile Diathese (z. B. Faktor-V-Leiden homozygot, Protein-C-/-S-Mangel).

Aktive Lebererkrankung mit eingeschränkter Funktion, akute Pankreatitis, ungeklärte vaginale Blutungen, schwangere Patientinnen.

Patientinnen mit kürzlicher arteriovenöser Erkrankung (Schlaganfall, Herzinfarkt) innerhalb der letzten 12 Monate.

Relative Kontraindikationen — individuelle Abwägung

Migräne mit Aura: orale HRT vermeiden, transdermal niedrig dosiert in Einzelfall vertretbar. Familiäre Brustkrebs-Häufung mit BRCA-Status positiv: enge Onkologen-Abstimmung vor Therapieentscheidung.

Endometriose-Anamnese: kombinierte Therapie mit ausreichender Gestagen-Komponente. Symptomatische Myome: Verlauf engmaschig, ggf. Therapie-Anpassung bei Wachstum.

Cholelithiasis: orale Östrogene können Symptomatik verschlimmern, transdermal bevorzugen. Aktive Schilddrüsenerkrankung: Schilddrüsen-Werte unter Therapie regelmässig kontrollieren — HRT kann Thyroxin-Bedarf erhöhen.

Was die Praxis im Erstgespräch prüft

Anamnese: Symptomatik (Greene-Skala), gynäkologische Vorgeschichte, Brust- und Familienanamnese, Thromboembolie-Risikofaktoren, Migräne-Anamnese.

Untersuchung: gynäkologische Tastuntersuchung, Brustpalpation, Blutdruck, BMI. Ggf. transvaginale Sonographie zur Endometrium-Dicken-Messung.

Diagnostik: Mammographie ist in Deutschland Teil des Krebsfrüherkennungs-Programms ab 50, im HRT-Kontext oft als Baseline empfohlen. Knochendichtemessung (DXA) bei Osteoporose-Risiko. Laborwerte (FSH, LH, Östradiol) sind für die Indikationsstellung in der Peri-/Postmenopause nicht obligatorisch — die Symptomatik führt die Entscheidung.

Häufige Fragen

Ich hatte Brustkrebs — kann ich HRT nehmen?

Bei dokumentiertem hormonsensitiven Mammakarzinom ist HRT absolute Kontraindikation. Bei dreifach-negativem Mammakarzinom in vollständiger Remission gibt es Einzelfall-Diskussionen, aber Standard ist auch hier Zurückhaltung. Die Entscheidung trifft die Frauenärztin gemeinsam mit deinem Onkologen.

Ist HRT nach 60 noch möglich?

Möglich, aber mit veränderter Risiko-Nutzen-Bilanz. Bei einer Frau mit anhaltend schweren Beschwerden, ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen, kann HRT auch jenseits des Window of Opportunity individuell sinnvoll sein. Die Entscheidung ist immer individualisiert.

Brauche ich Bluttests vor HRT?

Hormonbestimmungen (FSH, LH, Östradiol) sind zur Indikationsstellung in der Peri-/Postmenopause nicht obligatorisch — die Symptomatik führt die Entscheidung. Andere Labor (TSH, Lipidstatus, ggf. Leber- und Nierenwerte) sind im Erstgespräch sinnvoll und werden in Malvea-Praxen je nach Konstellation veranlasst.

Mein Mann hatte Thrombose — bin ich auch betroffen?

Eine Partner-Thromboembolie ist kein direkter Risikofaktor für dich. Eigene Thromboembolie-Anamnese und familiäre Häufung (Eltern, Geschwister) sind die relevanten Indikatoren. Bei familiärer Häufung wird oft ein Thrombophilie-Screening vor HRT empfohlen.

Kann ich HRT auch nehmen, wenn ich noch Zyklen habe (Perimenopause)?

Ja — in der Perimenopause ist HRT bei symptomatischen Frauen möglich und wird oft zyklisch dosiert (Östrogen täglich, Gestagen 12–14 Tage pro Zyklus) um Blutungsmuster zu erhalten. Bei prädominanten Zyklusstörungen kann auch eine kombinierte orale Kontrazeption als Alternative diskutiert werden.

Quellen

  • NAMS 2022 Position Statement on Hormone Therapy
  • DGGG S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause 2024
  • IMS Position Statement 2024 on MHT
  • Manson JE et al., WHI Long-Term Follow-up, JAMA 2020
  • Hodis HN et al., ELITE Trial, NEJM 2016

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